Allgemeines zu Schilddrüsenkrankheiten:

 

Vorbemerkung:

 

Die Entwicklung des menschlichen Organismus wird durch Hormone gesteuert, die Schilddrüsenhormone. Dieser Steuerungsmechanismus ist offenbar sehr erfolgreich, denn er wird auch bei den Tieren, sogar den Fischen, verwendet. Offenbar sah die Evolution keine bessere Möglichkeit. Wirft man zum Beispiel eine Tablette mit Schilddrüsenhormonen in ein Aquarium mit Kaulquappen, so entstehen daraus vorzeitig Frösche.

 

Die Schildrüsenhormone: Thyroxin (L-T4) und Trijodthyronin (L-T3) sind relativ einfach gebaut. Es sind im Körper die einzigen Stoffe, die Jod enthalten. Wenn von „Jodmangel“ und „Jodversorgung“ gesprochen wird, so geht es eigentlich immer darum, dass wir genügend Jod bekommen, damit die Schilddrüsen-Hormonproduktion nicht gefährdet ist. Deutschland liegt in einem Jodmangelgebiet. Dass Europa eine sehr jodarme Gegend ist, verdanken wir den Eiszeiten, insbesondere der letzte großen „Würm-Eiszeit“, die vor ca. 30000 Jahren zu Ende ging. Am Ende der Eiszeit, als die Gletschermassen abschmolzen, wurde das Jod aus dem Boden gewaschen. Damals, noch während der Eiszeit wanderten über Landbrücken des teilweise ausgetrockneten Mittelmeeres die Cro-Magnon-Menschen, unsere Vorfahren, aus Afrika nach Europa. Sie lernten, sich vor der Kälte am Rande der sich zurückziehenden Gletscher zu schützen. Der Jodmangel des neu besiedelten Landes war aber ein Problem, das sie mit ihrem Intellekt nicht meistern konnten. Die Evolution half ihnen. Mit der Pubertät bekamen die kleinen Mädchen einen „Kropf“. Durch diese Vergrößerung des Organs, war dieses in der Lage effektiver Jod aus dem Blut zu entnehmen und es in die Hormone einzubauen.

 

In Zahlen ausgedrückt: In Köln betrug die mittlere Jodaufnahme pro Tag 1995 ca. 60µg und bei Verwendung von Jodsalz ca. 80µg. die Jodversorgung hat sich in den letzten Jahren etwas verbessert. Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt dann ein Jodmangelgebiet vor, wenn hier lebenden Menschen weniger als 100µg Jod pro Tag im Urin ausscheiden. Da 2/3 des mit der Nahrung aufgenommenen Jods resorbiert werden und 1/3 im Stuhl wieder ausgeschieden werden, muss ein Mensch also mindesten 150µg Jod pro Tag aufnehmen, damit er ausreichend versorgt ist. Die Deutsche Ernährungskommission empfiehlt eine tägliche Aufnahme von 200µg für den Erwachsenen. Nach eigenen Messungen (2002) benötigt eine schwangere Frau in Köln 230 – 250µg pro Tag.

 

 

Die gesunde Schilddrüse:

Allgemeines: Zunächst sind ein paar Bemerkungen angebracht.

Schilddrüsenkrankheiten können einen Menschen verändern: körperlich und/oder seelisch.

 

Es gibt über 50 verschiedene Schilddrüsenkrankheiten. Man kann grob zwischen zwei Betrachtungsweisen der Schilddrüsenerkrankungen unterscheiden. Bei der einen Betrachtung steht die krankhafte Veränderung des Organs im Vordergrund, bei der anderen werden die Funktionsstörungen also die Auswirkungen des Organs auf den Körper bewertet. Man unterscheidet in der Diagnostik zwischen Lokalisations- und Funktionsdiagnostik.

 

 

Schilddrüse: Bei der Geburt wiegt die Schilddrüse 2 g und bringt es beim Erwachsenen auf 18 g (Frau) bis zu 25 g (Mann). Im höheren Lebensalter schrumpft die Schilddrüse ein wenig.

 

Die Lage der Schilddrüse:  Wegen ihrer geringen Größe ist die gesunde Schilddrüse weder zu sehen noch zu tasten. Die Schilddrüse liegt im mittleren bis unteren Drittel der vorderen Halsabschnitts vor der Luftröhre, die sie mit einem rechten und linken Lappen umgreift. Mit diesen zwei Lappen und dem vor der Luftröhre liegenden Verbindungsstück, dem Isthmus, ähnelt die Form der Schilddrüse einem Schmetterling. Diese Lappen reichen oben bis an den Schildknorpel des Kehlkopfes, und unten bis knapp oberhalb des Übergangs vom Hals zum Brustraum. Rechts und links der Schilddrüse liegen die beiden großen Halsschlagadern (Carotiden)..

Die Schilddrüse wird stark durchblutet, ca. 4 - 5mal mehr als die Nieren und 100mal mehr als Arm und Beine. Dieses Phänomen läßt sich wie folgt erklären: Drüsen wie die Bauchspeicheldrüsen produzieren ihren Saft, den sie in ein eigenes Gangsystem abgeben. Die Schilddrüse besitzt ein solches Transportmittel nicht. Die Blutgefäße müssen also ein Gangsystem ersetzen. Weiter ist zu beachten, dass die Nieren Jod ausscheiden, was dann dem Körper nicht mehr zur Verfügung stehen würde. Die Schilddrüse muss also das Jod aus dem Blut (vorher) so schnell wie möglich eliminieren, damit es nicht über die Nieren verloren geht. Die Schilddrüse gibt ihr Inkret in das Blut ab, von wo aus die Hormone an alle Körperzellen gelangen.

 

 Der Feinaufbau und die Funktion der Schilddrüse:

 

Der Aufbau:

Die Schilddrüse besteht, mikroskopisch gesehen, aus Läppchen, die aus einer Vielzahl mikroskopisch kleiner bläschenartiger Gebilde, den Follikeln, zusammengesetzt sind. Diese sind etwa ¼ bis ½ Millimeter groß und werden von einem Follikelepithel umgeben. Die Zellen der Schilddrüse nennt man: Thyreozyten. Sie umgeben das Zellinnere des Follikels und damit auch das im Follikel vorhandene Kolloid, in dem sich das Speicher-Eiweiß Thyreoglobulin und die in dem Thyreoglobulin gespeicherten Schilddrüsenhormone befinden. Form und Größe dieser Follikel und die Menge des Kolloids inmitten des Follikels, wie auch die Gestalt der Zellschicht, ändern sich mit dem Funktionszustand. Bei einer verstärkten Aktivität werden die Zellen vergrößert, bei verminderter Funktion flachen sie ab.

 

Die Bildung der Schilddrüsenhormone:

Die Schilddrüse braucht genauso wie eine Fabrik Rohstoffe. Als Rohstoff benötigte sie auch Jod, was aber nicht vom menschlichen Körper produziert werden kann, sondern von außen zugeführt werden muss. Jod wird mit der Nahrung aufgenommen, im Verdauungstrakt freigesetzt und mit vielen anderen wichtigen Stoffen ins Blut überführt. Über das Blut gelangt das Jod in die Schilddrüse. Dort werden die Thyreozyten aktiv, die das Jod aus dem Blut eliminieren und in sich aufnehmen. Dies geschieht mit Hilfe eines sog. Natrium-Jodid-Symporters. Im aktiven Zentrum dieses (Funktions-)Eiweißes befindet sich ein Häm-Molekül, welches Eisen zur optimalen Funktion benötigt (Ein Eisenmangel kann also auch zu einer Unterfunktion der Schilddrüse führen.). Innerhalb der „Fabrik“ wird das Jod in die vorbereitete Vorstufe der Hormone (Thyrosin) eingebaut, d.h. das bereitstehende Thyrosin wird, wenn es mit einem Jodatom verbunden wird, zu Monojodthyrosin. Werden 2 Jodatome eingebaut, so bildet sich Dijodthyrosin. Nun kann man entweder Monojodthyrosin mit Dijodthyrosin zu Trijodthyronin verbinden (T3), oder man verbindet Dijodthyrosin mit Dijodthyrosin und erhält Tetrathyronin (T4).

Normalerweise beträgt die Produktionsrate für T3 etwa 10% und für T4 90%. Möglicherweise wird auch nur Thyroxin produziert und ein kleiner Teil dann über eine Dejodase zu Trijodthyronin umgebaut bzw. degradiert.

Die fertigen Schilddrüsenhormone T3 und T4 werden im  Thyreoglobulin gespeichert.

 

Werden nun Hormone benötigt, so nehmen die Thyreozyten etwas Thyreoglobulin aus dem Kolloid auf und befreien die T3- und T4-Hormone aus der Speicherform und geben diese ins Blut ab. Dort werden sie zum Transport an Transportglobuline gebunden.

 

Nur T3 ist wirksam. T4 ist das Reservoir, aus dem die einzelnen Organe durch Dejodasen das benötigte T3 herstellen. Die Schilddrüse und die Leber sind die wichtigsten Organe, die mit Dejodasen aktives T3 (auch für andere Organe) herstellen. Das harmlose T4 „patrouilliert“ also durch den ganzen Körper und kann jederzeit von den Zellen aufgenommen werden. Wenn eine Zelle das wirksame T3-Hormon benötigt, spaltet sie ein Jodatom von dem T4.

Diese blitzschnelle Bereitstellung von T3 ist nützlich, auf der anderen Seite aber auch gefährlich, falls das System gestört ist. Der Hauptteil (99,95%)  von den Hormonen (T3/T4) ist an sogenannte Transporteiweiße gebunden und somit primär inaktiv.

Die Konzentration an freien T3 und T4 wird relativ konstant gehalten.

 

Die Wirkung der Schilddrüse:

Die Schilddrüsenhormone wirken an sämtlichen Köperzellen. Schon vor der Geburt fördern sie Wachstum und Entwicklung. Eine Hauptwirkung der Hormone ist die Förderung der Energiegewinnung (ATP) und -umwandlung aus Nahrungsenergie (Glucose). Die Schilddrüsenhormone beeinflussen alle Stoffwechselvorgänge (Glukolyse/Zitronensäurezyklus/Atmungskette) in allen Zellen. Während der Energiegewinnung benötigt die Zelle Sauerstoff, z. B. als Endaktzeptor von positiven H-Ionen und produziert  (meist als Nebenprodukt) Wärme. Bei einer Schilddrüsenunterfunktion friert der Mensch, bei einer Überfunktion schwitzt er.

 

Die Schilddrüsenhormone wirken auf:

 

- Energiehaushalt

- Temperaturregulation

- Eiweiß-, Fett-, Kohlenhydratstoffwechsel

- Muskelstoffwechsel

- Mineralhaushalt

- die Nervenleitgeschwindigkeit

- körperliche und geistliche Leistungsfähigkeit

- andere Drüsen (z. B. Keimdrüsen)

- das psychische Befinden

 

Man kann die Funktionen und ihre Bedeutungen der Schilddrüsen eigentlich nur verstehen wenn sie gestört sind. Will man sich aber den Krankheiten zuwenden, muß man sich zuerst den Grundlagen, hier dem „Regelkreis“ zuwenden, da die Schilddrüse nicht alleine für sich nur arbeitet, sondern Teil eines komplizierten Regelsystems sind. Will man die Sache auf den Punkt bringen, so könnte man sagen, dass die Schilddrüsenhormone die Geschwindigkeit des (unbewussten) Lebens steuern: Geht es zu schnell, überschlägt sich alles. Geht es zu langsam, gibt es kein Ergebnis in der vorgegebenen Zeit. In beiden Fällen würde – bezogen auf das Denken – „gesteigerte Nervosität“ – als Symptom angegeben werden.

 

Schilddrüsenhormone steigern den Energieverbrauch, was zu einer Reduktion des Körpergewichts führen würde, gleichzeitig steigern sie aber auch den Appetit. Diese Effekte heben sich normalerweise auf, und im Regelfall sind Schilddrüsenhormone bei ihrer therapeutischen Anwendung gewichtsneutral.

© 2019 by ap-datenschutz.de